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20.03.2008, 13:40 Uhr
Ich bin gegen einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking
Erstaunlich viele eMails aus dem Wahlkreis haben den CDU-Bundestagsabgeordneten Norbert Barthle zu den Vorfällen in Tibet erreicht, Grund genug, seine Haltung zu diesem Thema in einer kurzen Mitteilung zu erklären:
Das Thema Tibet scheint viele Menschen innerlich sehr zu bewegen. Ich nehme mich da nicht aus; auch mich faszinieren die Würde, die Weisheit und die Friedfertigkeit, die das geistige (und weltliche!) Oberhaupt der Tibeter ausstrahlt, der Dalai Lama. Auch mich schockieren die Bilder, die uns aus der Hauptstadt Lhasa erreichen und die offene Brutalität der chinesischen Machthaber. Die derzeitigen Unruhen in Tibet mit bis zu 100 Toten sind mitnichten der Versuch, die Olympischen Spiele zu politisieren, wie Peking behauptet. Vielmehr sind sie das Ergebnis jahrelanger Unterdrückung des tibetischen Volkes durch die chinesischen Machthaber. Die Verweigerung von grundlegenden Menschenrechten wie Religions- oder Meinungsfreiheit und die Unterdrückung der tibetischen Kultur durch die Zerstörung von tibetischen Klöstern oder die Besiedlungspolitik mit Chinesen sind nur einige Beispiele. Jetzt wird von der chinesischen Führung ein „Kampf auf Leben und Tod“ ausgerufen, die Völkergemeinschaft ist dringend aufgerufen, hier so massiv und deutlich wie irgend möglich zu antworten.

Dennoch kein Boykott

Dennoch bin ich gegen einen Boykott der Olympischen Spiele. Warum? Zunächst ein ganz offensichtlicher Grund: Der Dalai Lama selbst fordert die freie Welt auf, diese Spiele nicht zu boykottieren – wer bin ich, diesem ausdrücklichen Wunsch zu widersprechen?

Zum anderen wäre ein Boykott in der aktuellen Lage kontraproduktiv, da er den politischen Druck von China nehmen würde. China hat im Vorfeld der Olympischen Spiele eine Reihe von Zusagen gegeben, gerade im Hinblick auf die Reise- und Pressefreiheit ausländischer Besucher. Jetzt sind die Regierungen und Medien gefragt, dieses Recht einzufordern und zu verhindern, dass in Tibet unter Ausschluss der Öffentlichkeit brutales Unrecht geschieht.

Drittens möchte und muss ich hier – als Sportler – auch eine Lanze für den Sport brechen: Der Sport kann vieles, er überwindet Grenzen, er führt Menschen aller Rassen, Klassen und Ideologien zusammen, er ist schlicht die schönste Nebensache der Welt. Er ist aber kein Politikersatz, das IOC ist keine Nebenregierung, mit Sport sollten nicht primär politische Ziele durchgesetzt werden. Weder der Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980 noch die Revanche des Ostblocks vier Jahre später in Los Angeles haben irgendeinen positiven Effekt gehabt. Sie haben aber eine ganze Generation von jungen Sportlern um die Erfüllung des größten Traums gebracht, der in einem Sportlerleben denkbar ist – eben die Teilnahme an Olympischen Spielen. Noch heute sprechen ehemalige Spitzensportler mit Wut und Verbitterung von der einmaligen Chance, die man ihnen 1980 genommen hat. Diesen Fehler sollten wir 2008 nicht wiederholen.

Andere Formen des Widerstands

Ich bin sicher, es lassen sich andere Formen des Widerstands finden. Derzeit wird überlegt, ob nicht z.B. westliche Politiker die Einladung zu den Spielen, insbesondere zur Eröffnungsfeier absagen sollten. Ich hielte das für eine geeignete Methode, der chinesischen Staatsführung die ernsthafte Verurteilung der Behandlung Tibets zu demonstrieren. Auch die Nicht-Teilnahme der deutschen Athleten an der Eröffnungsfeier ließe sich diskutieren. Diese dient ja ohnehin in erster Linie der Selbstdarstellung des Gastgebers, da müssen wir nicht auch noch die Staffage bilden.

Nachdenken sollten wir ebenfalls über die Tatsache, dass wir nach wie vor in China Entwicklungshilfe leisten. Hier könnten von Deutschland deutliche Zeichen gesetzt werden.